Die Zittauer Fastentücher

Kurzfassung: 
Zu den besonderen Sehenswürdigkeiten in Zittau gehören die beiden Zittauer Fastentücher. Das Große Zittauer Fastentuch von 1472 erzählt die Geschichte Gottes mit den Menschen. Das Kleine Zittauer Fastentuch von 1573 gehört hingegen einem anderen Typus an.
Absatz: 
Titel: 
Das Große Zittauer Fastentuch von 1472 und das Kleine von 1573
Reihe 1, Bild 1 des Großen Fastentuchs von 1472
Ausschnitt des Großen Zittauer Fastentuchs
Text: 

Die christliche Fastenzeit dauert 46 Tage. Von Aschermittwoch bis Karsamstag (Ostersonnabend) ist sie für die Gläubigen eine Zeit der Entsagung, Buße und Besinnung zur Einstimmung auf das Osterfest (Auferstehung Christi).

Um 1000 wird erstmals von dem Brauch berichtet, in der Fastenzeit Altäre, Reliquien, Bilder, ja ganze Altarräume mit großen Tüchern zu verdecken. Sie wurden im Chor aufgehängt, um der Gemeinde den Blick auf das Allerheiligste zu verwehren. Diese Textilien nannte man Fastentücher (Velum quadragesimale), aber auch Hungertücher oder Schmachtlappen.

Die Verhüllung war für die mittelalterlichen Gläubigen eine Bußübung. Sie verzichteten auf den Augenschein der Heiligen Messe. Zur körperlichen kam die eucharistische Abstinenz.

Die frühen Fastentücher aus dem 11. und 12. Jahrhundert waren weiß oder violett. Erst später begann man, sie zu bebildern. Es entstanden riesige Bilderbibeln, von denen heute noch 12 Stück erhalten sind.
Bei dem Großen Zittauer Fastentuch handelt sich um eine solche riesige Bilderbibel (6,80 m breit x 8,20 m hoch), die mit Tempera auf Leinen gemalt wurde.

Das Kleine Zittauer Fastentuch ist mit seinen 15 Quadratmeter nur im Vergleich zum Großen Fastentuch, klein zu nennen. Es gehört aber auch einem anderen Typus an. Wird das Große Fastentuch dem Feldertypus zugesprochen, so gehört das Kleine zu der Kategorie der "Arma Christi". Es zeigt im Mittelteil Christus am Kreuz umgeben von den 30 Arma (Leidenswerkzeuge) Christi aus seiner Passion.

Beide Fastentücher sind einzigartige Kunstwerke mittelalterlicher Frömmigkeit. Das Große Zittauer Fastentuch ist im Museum Kirche zum Heiligen Kreuz hinter der größten Museumsvitrine der Welt ausgestellt. Das Kleine hingegen wird dauerhaft im Kulturhistorischen Museum Franziskanerkloster gezeigt.

Accordion: 
Accordion Element: 
Titel: 
Das Große Zittauer Fastentuch von 1472
Accordion Inhalt: 
In 90 Bildern wird die biblische Geschichte, von der Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht, dargestellt.
Großes Zittauer Fastentuch von 1472
Text: 

Im spätmittelalterlichen Zittau, damals „die Reiche“ unter den Oberlausitzer Städten, stiftete der Gewürz- und Getreidehändler Jacob Gürtler 1472 das Tuch. Es wurde von einem unbekannten Maler geschaffen und verhüllte in der Fastenzeit 200 Jahre lang den Altarraum in der Zittauer Hauptkirche St. Johannis. Es zeigt in 90 Bildern die biblische Geschichte. Davon sind 45 aus dem Alten und 39 aus dem Neuen Testament. Weitere 6 Bilder stammen aus den Apokryphen und erzählen die Geschichte Marias.

Die einsetzende Reformation überstand das Tuch schadlos. Ende des 17. Jahrhunderts wurde das 6,80 mal 8,20 Meter große Tuch in die benachbarte Ratsbibliothek gebracht, wo es den Stadtbrand von 1757 unbeschadet überstand. 1840 wurde es zufällig wieder entdeckt. König Johann von Sachsen erbittet die Zittauer Bilderbibel als Leihgabe für das Museum des Königlichen Sächsischen Altertumsvereins in Dresden, wo es für 34 Jahre als besondere Sehenswürdigkeit galt. 1933 wurde das Tuch anlässlich der Tausendjahrfeier der Oberlausitz das erste Mal in der Kirche zum Heiligen Kreuz gezeigt.

In den 1940er Jahren wurde das Tuch auf die Burg Oybin gebracht. Sowjetische Soldaten fanden das große Tuch, zerrissen es, verwendeten die Stoffteile als Abdeckung für eine Sauna und ließen es im Wald zurück. Die Stoffteile wurden gefunden und in das Zittauer Museum zurückgebracht. Dort wurde das Schadensbild dokumentiert und Restaurierungsversuche unternommen. In den 1990er Jahren erklärte sich die Schweizer Abegg-Stiftung bereit, dass Große Zittauer Fastentuch zu restaurieren.

Neben dem berühmten Bilderteppich von Bayeux gehört das Große Zittauer Fastentuch zu den eindrucksvollsten Textilwerken der abendländischen Überlieferung. Es ist das einzig erhaltene Fastentuch des sogenannten bilderreichen Feldertyps in Deutschland.

Das Tuch gehört zu den ältesten, größten und kunstgeschichtlich interessantesten unter den heute noch existierenden Fastentüchern. Mit seinem lebendigen Fluss der Erzählung ist es ein Meisterstück lehrhafter Aufbereitung biblischen Wissens.

Kulturgeschichtlich bemerkenswert: Das aus vorreformatorischer Zeit stammende Große Fastentuch wurde nach der Reformation noch fast 150 Jahre von der evangelischen Gemeinde genutzt. Das spricht für den toleranten Verlauf der Glaubensspaltung in der Oberlausitz.

Titel: 
Das Kleine Zittauer Fastentuch von 1573
Accordion Inhalt: 
Kleines Zittauer Fastentuch von 1573
Kleines Zittauer Fastentuch von 1573
Text: 

Im Jahr 1573 von einem unbekannten Maler nach einer Vorlage des Lütticher Künstlers Lambert Lombard geschaffen, ist es das einzige Fastentuch, das von einer evangelischen Gemeinde in Auftrag gegeben wurde. Damit ist es ein Beleg für den toleranten Verlauf der Glaubensspaltung im Zuge der Reformation in der Oberlausitz. Bis 1684 verhüllte es in der Johanniskirche den Hochaltar.

Das 15 Quadratmeter große Kunstwerk ist das einzige Fastentuch des sogenannten Arma-Christi-Typs in Deutschland. Weltweit haben sich von ihm nur sechs Tücher erhalten. Seit Ende 2005 wird das Kleine Fastentuch im Kulturhistorischen Museum Franziskanerkloster gezeigt.

Monumental ist die Kreuzigung Christi dargestellt. Maria, Johannes und die unter dem Kreuz kniende Maria Magdalena blicken zu dem Sterbenden auf. Ein Engel umschwebt Christus. Schädel und Beinknochen in der linken unteren Ecke symbolisieren den ersten Menschen, mit dem die Sünde in die Welt kam. Umrahmt wird das Geschehen von etwa 30 Arma Christi. So sind das Schweißtuch der Veronika, Wasserkanne und Schüssel, Würfel uvm. zu sehen. Der untere Teil des Rahmens symbolisiert die Höllenfahrt Christi.

99 Jahre lang verwendete die Gemeinde das Kleine Fastentuch in der Zittauer Hauptkirche St. Johannis gemeinsam mit dem Großen. In den Bestand des 1854 begründeten Stadtmuseums übergegangen, wurde das Tuch bis 1968 dauerhaft. Parallel zur Restaurierung des Großen Tuches wurde das Kleine Fastentuch ebenfalls von der Abegg-Stiftung gereinigt. 
Nach dem Vorbild des Großen Fastentuches wurde für das Kleine Fastentuch ein eigenständiger Ausstellungsraum geschaffen. Er entstand im nördlichen Anbau des ehemaligen Zittauer Franziskanerklosters.
Diese Lösung berücksichtigt museale, denkmalpflegerische und konservatorische Ansprüche gleichermaßen. In dem schlichten Raum kommt das Kleine Fastentuch hinter einer 35 Quadratmeter großen hängenden Verglasung zur Geltung.

Von Arma-Christi-Fastentüchern sind im christlichen Abendland nur sechs Exemplare überliefert, davon als einziges in Deutschland das Kleine Zittauer Fastentuch.

Es gehört zu den frömmigkeits- und kunstgeschichtlich interessantesten unter allen heute noch existierenden Fastentüchern.

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