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Stadtwappen Pressemitteilung vom 18.10.2010

Von Zittau via Görlitz unterwegs
Exponate auf Wanderschaft

Zinnmarkentafel/Fotograf: Städtische Museen Zittau/ Bernd WabersichVielleicht mag man der kleinen, etwa 10 mal 19 cm großen und 3 mm starken, grauen und unscheinbaren Bleiplatte nicht auf Anhieb ihren Wert zumessen. Viele Dinge des täglichen Lebens eröffnen uns erst beim genauen Betrachten oder Studieren ihre großartige Bedeutung.

Die sich im Besitz den Städtischen Museen Zittau befindliche „GÖRLITZER ZINNMARKENTAFEL ANNO 1586“ ist eine Seltenheit. Sie ist die älteste Deutschlands und wird nach Jahrzehnten erstmalig wieder gezeigt werden: Als Exponat der 3. Sächsischen Landesausstellung via regia von Mai bis Oktober 2011 in Görlitz wird sie an ihren Entstehungsort zurückkehren.

Was macht sie so einzigartig? Der Nestor der deutschen Zinnforschung, Erwin Hintze, berichtet 1926 für Görlitz, dass der dortige Rat am 23. September 1586 eine Ordnung erlassen hat, in der er speziell die Angelegenheiten des so genannten „Kannengießerhandwerks“ regelt.
Diese Artikel beschreiben beispielsweise, wer überhaupt ein Meister der Zunft in Görlitz werden darf. Es werden die drei erforderlichen Meisterstücke vorgeschrieben, „erstlich eine hohe kanne mit zweien beuchen vund einem hohen holen fusse sampt dem obern corpus gantz gegossen, darein acht quart gehen sollen“. Weiterhin zählen dazu ein „handtfaß“ und eine „wolgestalte saubere schüssel“. Auch die Aufnahmebedingungen für das Bürgerrecht und die jährlichen und besonderen Barzahlungen in die Zunftlade, die auch dazu dienten, „einem verarmten meister, meisterin oder kindern … inn vorfallender not hülffe erzeigen“ zu können, gehören dazu. Außerdem wird in den Artikeln die Bestrafung für nicht ordnungsgemäß hergestellte Stücke oder für sonstiges Fehlverhalten und die Modalitäten der Gesellenausbildung festgehalten. Dass in diesen Artikeln nicht das Verhältnis des Zinn- und Bleianteils geregelt ist, begründet Hintze damit, dass sich Görlitz wohl den geltenden höheren und an anderer Stelle festgehaltenen Gepflogenheiten des Zinngießerwesens innerhalb des Sechsstädtebundes, das neben der Meister- auch die Stadtmarke fordert, angepasst und unterworfen hat.

Weil die Artikel auch verlangen, dass „ ein jeder meister soll sein zeichen auflegen unnd inn die lade nach der Ordnung aufschlagen…“ bestätigte jeder Meister mit seinem Stempelschlag seine Zugehörigkeit zur Görlitzer Zinngießerzunft und die Anerkennung der 1586 erlassenen Gesetze.
Die Bleitafel, die bis etwa 1825 als Bestandteil der Zunftordnung diente, wurde demzufolge im Laufe von 240 Jahren mit 55 Meistermarken beschlagen. Hintze nennt Bartholomaeus Wigel (Wigell, Wiegel, Wygel) zwischen 1586 und 1610 als Görlitzer Zunftältesten. Demzufolge findet sich dessen Marke BW mit Krone an zweiter Stelle in der ersten senkrechten Reihe. Wigel, aus Arnstadt stammend, wird seinen (Berufs-) Weg von Thüringen bis zur Neiße ganz sicher auf der via regia zurückgelegt haben, so mag sein Name hier auch exemplarisch für den Wissens- und Technologietransfer seiner Zeit auf dieser Straße stehen.  

Der Initiative und Aufmerksamkeit des Zittauer Geschichts- und Museumsvereins e.V. ist es zu verdanken, dass die „GÖRLITZER ZINNMARKENTAFEL ANNO 1586“ im Jahre 1931 dank eines privaten Stifters aus der Berndtschen Altertümer-Sammlung in Löbau erworben werden konnte. Sie ist damit fast gleich alt wie das Kleine Fastentuch, dass 1573 entstand. Die Zittauer erweisen mit der Leihzusage nach Görlitz auch ihre Referenz gegenüber einer verbündeten alten Sechsstadt der Oberlausitz.

A. Vietze
Mitarbeiter Städtische Museen Zittau